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Jannis Plastargias – ein Interview über Liebe und andere Schmerzen

Jannis Plastargias bringt in der neuen Reihe Q des Größenwahn Verlags seine erste Anthologie heraus: Liebe und andere Schmerzen. Wie er den Rollenwechsel vom Autor zum Herausgeber erlebte, und was das SchwuLesbische Jugendzentrum in Frankfurt damit zu tun hat, erzählt er hier auf dem Bücherbüffetblog.

Hallo Jannis, Du bist neben anderen Publikationen vor allem mit Deinen Romanen “Plattenbaugefühle” und “Der träumende Jonas” bekannt geworden. Darin geht es um die Lebens- und Gefühlswelten von homosexuellen Jugendlichen. Was ist das Thema der neuen Anthologie?

Der Größenwahn Verlag hat ja eine neue Reihe bekommen: Q. Dabei steht das Q für “queer”.

Im Mittelpunkt des ersten Bandes “Liebe und andere Schmerzen. 16 Herzschläge” stehen Gefühle, Schicksale, Leben von Frauen, Männern, Transgender, Transidenten. Von Menschen in ihrer ganzen Vielfalt: unterschiedlicher sexueller Präferenz, Herkunft, Nationalität, Hautfarbe, Schicht, Alter, gesundheitlichem Status oder worin sie sich sonst noch unterscheiden können. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie in ihrer Verschiedenheit von “der Norm” abweichen.

In diesem Rahmen wollten wir unbedingt eine vielfältige Anthologie zum Start der Reihe gestalten. Da ich der Programmleiter bin, durfte ich wunderbarerweise die Anthologie machen.

Wie bist Du auf die Idee gekommen?

In der Liebe ist alles möglich. Das war der Ausgangspunkt. Gerade in einer Zeit, in der die Diskussion um die Homo-Ehe in Frankreich, aber auch hier in Deutschland hohe Wellen schlägt, ist doch die Frage: Was ist denn das, was uns alle Menschen verbindet? Die Liebe. Und die Liebe hat so viele Gesichter, wie es Menschen auf der Erde gibt. Das wollten wir nun mit dieser Anthologie zum Ausdruck bringen. Es gab auch keine Einschränkungen für die Geschichten, außer eben, dass es eine Liebesgeschichte sein sollte, wobei durchaus eine Partei auch ein Objekt oder ein nicht menschliches Wesen sein durfte – und natürlich sollten die Autor_innen die Vielfalt und Normabweichung beachten. Allerdings war das Motto nicht: schriller, weiter, bunter. Zum Beispiel sind bei einer Geschichte, in der es um eine Liebe zwischen einem Jungen und einem Mädchen geht, nur die Charakteristiken der Figuren anders als man es vielleicht erwartet. Sprich: Rollenklischees werden auf den Kopf gestellt.

Wie lange hast Du insgesamt an der Anthologie gearbeitet?

Das ging tatsächlich sehr lange. Ich habe im letzten Sommer damit begonnen. Das hatte mehrere Gründe. Erstens hatten wir keine Ausschreibung gemacht – die Autor_innen habe ich in meinem persönlichen Umfeld gesucht, ihnen Zeit für ihre Texte gelassen. Zweitens wollte ich meinen Schützlingen aus der Kuss41 Schreibwerkstatt die Möglichkeit geben, in dieser Anthologie ihren ersten Text zu veröffentlichen. Das Kuss41 ist das lesbischschwule Jugendzentrum in Frankfurt. Vier von den Teilnehmer_innen haben sich versucht. Zwei davon konnte ich letztlich verwenden. Da habe ich einige Arbeit hineingesteckt, aber ich muss sagen, dass diese zwei Texte mit die besten wurden. Drittens habe ich sehr viele Projekte nebeneinander, sodass ich mich immer nur phasenweise um die Anthologie kümmern konnte.

Fiel Dir der Rollenwechsel vom Autor zum Herausgeber schwer?

Ehrlich gesagt war es mir schon seit langer Zeit ein Wunsch, Herausgeber einer Anthologie zu sein. Mit befreundeten Autor_innen habe ich auch eine Frankfurt-Anthologie in Angriff genommen. Die ist noch am Gedeihen. Das einzig Schwierige für mich war den richtigen Ton zu finden. Mir kam es ja auf Qualität an, ich wollte nicht alles veröffentlichen, nur weil es von Leuten ist, die ich mag. Und dann dieses Persönliche herauszuhalten und zu sagen: “Nein, das genügt mir noch nicht, das solltest du noch einmal bearbeiten, bevor wir es den Lektoren geben, sonst hat das keinen Sinn.” – das ist schwer.

Gibt es einen Aspekt im Herstellungsprozess einer Anthologie, den Du unterschätzt hast?

Das mit den Biografien der Autor_innen war ein taffes Ding und hat mir fast den letzten Nerv geraubt. Letztendlich ist auch dieser Teil des Buches ganz gut geworden, aber ich hatte einige Diskussionen deswegen. Und das mit dem Cover war sehr schwierig, das hat aber nichts mit Anthologie oder nicht zu tun, sondern damit, dass sowohl Verleger Sewastos Sampsounis als auch ich als Herausgeber perfektionistisch sind. Wir haben mit den Grafiker_innen harte Kämpfe ausfochten, bis das Maximum herausgeholt wurde. So bin ich nicht nur stolz auf die wunderbaren Geschichten, sondern auch auf ein Cover, das ich tatsächlich fantastisch finde – ich würde mir das Buch sofort kaufen!

Welche Aufgaben übernahm der Verlag?

Beim Größenwahn Verlag wird sehr viel Wert auf Zusammenarbeit und Mitspracherecht der Herausgeber_innen und Autor_innen gelegt, daher wird da sehr viel zusammen gemacht. An diesem Produkt waren sehr viele Menschen beteiligt, nicht nur die Autor_innen, sondern auch der Verleger, der viel mit dem Cover, aber auch mit der Herstellung zu tun hatte. Edit Engelmann wird die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreuen. Ich bin ja quasi auch vom Verlag und versuche Veranstaltungen zu organisieren. Es gab eine Agentur für das Cover, eine Lektorin, die ich aussuchen durfte, die von einem weiteren Lektoren und einer Korrektorin unterstützt wurde. Der Vertrieb ist natürlich auch Verlagssache.

Was war der schönste Moment?

Der allerschönste Moment wird noch kommen: wenn ich das gedruckte Buch endlich in Händen halte und umblättern kann. Das ist der Augenblick, den ich am meisten liebe, wenn es ein neues Werk erscheint. Natürlich war es aber auch schön, die Fahnen zu bekommen und noch einmal durchzuschauen – und freizugeben. Arbeit erledigt und es ward gut!

Danke, Jannis, für das Gespräch und viel Erfolg mit “Q”. Die Fragen stellte Jutta Käthler.

 

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